Das ist das Leben

Liege im Bett. Krank. Nur Schnupfen, also alles gut. Schön eingekuschelt. Ich gucke raus, durch die alten Fenster, sehe den Wald und es schneit. Ein ganz paar einzelne, ganz kleine Schneeflocken fliegen durch die Luft. Es ist eisekalt, so kalt, dass es gerade noch schneien kann. Also sind die Flocken wirklich äußerst fluffig, haben wenig – ich sag mal – Schmelzgehalt. Sie sind leicht und schweben so vorsichtig und langsam wie nur irgend möglich durch die Luft. So leicht, dass der kleinste Windstoß sie wieder nach oben treibt. Sie tanzen. Gott ist das schön. Das ist das Leben, denke ich mir. Das ist, wofür wir hier sind. Nicht morgen oder irgendwann. Es ist dieser Moment, in dem du eingemummelt im Bett liegst und draußen im Wald die Schneeflocken siehst. Das ist Leben. Genau jetzt. Wie schön.

Wolken

Früher habe ich in den Himmel geguckt und der war immer starr. Unbeweglich. – Immer schön, aber der hat sich nie bewegt. Natürlich hat der sich bewegt, wenn es jetzt ultrastürmisch war oder so, aber bei normalem Wetter hat der sich nie bewegt. Wie ein Bild.

Jetzt guck ich in den Himmel und der ist immer in Bewegung. Auch bei totaler Windstille – ich weiß natürlich nicht, wie windig das im Himmel ist, aber so richtig blasen wird es dann wohl auch nicht – sehe ich die Wolken, wie sie sich immerzu bewegen. Niemals stehen sie still. Auch wenn sie sich nur ganz langsam bewegen. Aber ich sehe sie immer in Bewegung. Sie kommen auf mich zu, werden kaum merklich, und doch, immer größer, sodass ich fast meine, sie kommen zu mir herab, legen sich auf mich und verschlingen mich ganz sanft. Schön ist das. Aber sie haben mich noch nie mitgenommen.

Es ist, alles geht immer schneller.

Eine Linde

Sommersonnenwende. Der längste Tag im Jahr. Ich bin sentimental. Gott ist das alles schön. Das Licht ist so hell, die Farben so satt. Und es ist warm. Eine beschissene Industriewand wird schön bei diesem Licht. Das Leben sprießt aus jedem Scheiß, so schön ist das. Und wie das riecht. Das Heu, Gras, Wiese, was weiß ich, was das ist, was da so riecht, riecht auf jeden Fall ganz toll. Muss an meine Kindheit denken als alles gut war.

Ich stehe vor dieser Linde. Die steht da so. Zuerst ganz ruhig. So wie ein Baum eben so dasteht. Doch dann fängt er an, der Wind bewegt seine Äste und Blätter. Ein leichtes Rauschen. Nicht wie das einer Pappel, aber auch schön. Wie ein Gebirge, eine Bergwelt, erheben sich Hügel und Täler, Dunkel und Angestrahltes, Kleinteiliges und Festes. Die zehntausenden Blüten, jede einzelne sagt, ich lebe, ich dufte, schau mich an, der Sommer ist da. Und dann merke ich, wie der ganze Baum von einem Brummen wie von einem Raumschiff * umgeben ist und sehe nach und nach die tausenden Bienen, Hummeln, Wespen, Schwebefliegen ** , Scheißfliegen, Mücken und so weiter. Dann sehen die mich und ich gehe lieber.

Scheiß Mücken, den Sommer können sie mir nicht nehmen *** .

* so stelle ich mir das zumindest vor

** Schwebefliegen sehen nur so aus wie Wespen oder Bienen. Aber die sind ganz platt. Das sieht man, wenn man genauer hinschaut. Das sind auch Akrobaten. Die können so filigran fliegen, das können die anderen nicht. Die Stechen nicht. Im Endeffekt sind Schwebefliegen die besseren Wespen; wobei ich da nicht ganz beschwören könnte, ob die auch so nützlich wie die Wespen sind. Denn auch wenn die scheiße sind, bestäuben die ja aber trotzdem auch die Blumen und Bäume und Pflanzen und so. Ich weiß nicht, ob das Schwebefliegen auch so gut machen. Vielleicht wäre die Menschheit schon ausgestorben, wenn es nur Schwebefliegen gäbe.

*** Der eine Baum, eine ganze Welt. So schön ist das, wenn man nur hinguckt. Entschuldigung, ich will niemanden belehren.