Adoleszenz für schwer Erziehbare

So ist es nicht. Du wirst nicht einfach alt und krüppelig. Nichts wird alt und krüppelig. Alles in dir will noch alles. Noch mal alles sehen, alles probieren, alles kaputt machen und alles wieder heil. Die Welt noch mal retten und die Musik noch mal revolutionieren. Und so. Keiner wird erwachsen. Nicht dein Kopf, nicht dein Plan und nicht dein Leben.

Doch dein Körper macht nicht mehr. Und deine Zeit so wie sie soll. Beide gehen dahin und du weißt nicht mehr, wohin. Adoleszenz für schwer Erziehbare –

beziehungsweise Zeitverweigerer. Jeder verweigert die Zeit. Doch die Zeit verweigert sich nicht. Sie läuft immer weiter. Und dein Körper auch. Nur dein Geist, der bleibt zurück und will das alles nicht. Und fragt sich noch, was ist hier los, vorhin wollte ich doch noch Rockstar werden, und Schriftsteller oder sowas – daher auch das schöne Autoren-Wort Adoleszens; sagt ja sonst kein normaler Mensch – und jetzt bin ich –

nur hier.

Ich betrachte mich von außen, wie ich immer weiter gehe, wie mein Körper immer weitermacht, wie die Welt sich immer weiterdreht und wie sich alles immer weiter verändert. Nur ich, ich sitze da, in einer Ecke in mir, und schaue zu und frage mich, wann ich hinterhekomme. Und ob überhaupt noch mal. Ob ich wieder an den Punkt gelang, wo einfach alles ist. Wo ich da bin, wo ich mich wieder eingeholt habe. Wo die Zeit mir wieder wohlgesonnen. Wo ich nicht mehr denk, sondern einfach tu.

Und was macht man jetzt damit?

Nichts.

Einfach weiter.


Die Stimme aus dem Off: Gib nicht auf, geh immer weiter. Irgendwann wirst du doch noch Rockstar. Manchmal ist die Hoffnung besser als das Ziel. Sag ich mir und leb ja noch. Pflanz den Baum.

Die Zeit davor

Es gibt eine Zeit, da war die Zeit noch da, noch existent. Mir scheint, im Moment, da gibt es die gar nicht mehr. Die ist einfach weg. Ich steh auf, ich geh ins Bett – was dazwischen war, weiß ich gar nicht mehr. Montag, Scheiße, Arbeit oder so, schon ist wieder Freitag und man freut sich auf das Wochenende. Aber dann ist schon wieder Montag. Und ich frage mich, wann ich mich anfangen soll, auf das Wochenende zu freuen, damit das nicht schon wieder vorbei ist.

Aber es gab eine Zeit, da war noch alles ganz klar. Da hat man die Zeit noch gespürt. Da hat man sich noch gespürt. Da war alles ganz bewusst. Da hab ich in den Himmel geguckt und war mir meiner ganz bewusst. Ich bin hier, ich bin da und da sind die Wolken. Heute sehe ich die Welt, ich hab auch manchmal Schmerzen oder so, ich freu mich auch, aber alles ganz dumpf, wie in einem Nebel, einem Schleier, der die Höhen und Tiefen einfach wegwischt. Wie in der Musik, da gibt es doch so Technik, die nimmt den krassen Ausschlag in der Amplitude einfach weg. In der Musik mag das vielleicht ganz sinnig sein an der ein oder anderen Stelle. Aber im Leben ist das nicht so geil.

Ich erwische mich immer wieder, wie ich daran zurückdenke, als das Leben noch so war. Als mir die Welt noch offen stand, als ich dachte, alles liegt noch vor mir, ich habe alle Zeit und koste alles aus. Da hab ich einfach Nintendo gespielt, Zelda oder Secret of Mana* oder so, und erinnere mich, wie absolut glücklich ich war, wie absolut ich mich darin verloren habe. Dass ich einfach gelacht habe, von ganzem Herzen und einfach rumgelaufen bin. Durch die Stadt oder so und hab mich einfach treiben lassen. Alles so toll.

Am Ende meines Lebens ist es wie mit dem Urlaub. Am Ende kann man gar nicht glauben, dass der schon wieder vorbei ist. Aber man kann nichts daran ändern. Die Zeit läuft einfach weiter.

Und dann merkt man, ach ja, die Zeit ist ja doch noch da. Oder eben nicht.

* Danke, dass ich das Bild benutzen darf. Dieses komische Geräusch – soll das der Drache sein oder so? –, das am Anfang ertönt, wenn man das Spiel angemacht hat, werde ich immer in den Ohren haben, wenn ich an das Spiel denke. Und an meine Kindheit. Danke Nintendo. Und auch Zelda. Das war ganz toll. Und an König der Löwen, an den Soundtrack von Elton John. Den haben wir nebenbei gehört, als ich mit Pierre gespielt habe. Und mit Nico, meinem Cousin. Den sehe ich kaum noch. Schade. Ich war immer diese kleine Hexe. Komisch. Naaaaansewenja, wawawitschiwawa. König der Löwen war mein erster Kinofilm. Der war ganz toll. Da waren die Filme noch in Ordnung. Da hab ich angefangen, Klavier zu spielen. Habe ich lange nicht mehr.

Alles perfekt

Ich glaube, wenn man etwas nur lange genug anguckt, dass die Zeit ein bisschen stehenbleibt. Wenn man ganz genau hinschaut, und nur dahin, und sich nicht fragt, warum, dann läuft sie etwas langsamer; ja vielleicht sogar, bleibt sie auch kurz stehen. Dann ist alles gut. Dann hat man das Leben ausgetrickst und man ist ein Stück Unendlichkeit. Dann ist man dem Lauf der Dinge ein Stück von der Schippe gesprungen und alles ist absolut. Das geht nur ganz kurz. Aber dann ist es alles perfekt.

(Ich glaube, der Blick beeinflusst die Zeit. Ich denke, das ist es. Etwas ganz genau betrachten, dann weitet sich der Blick und man ist Teil von diesem Ganzen.)

Die Zeit

Warum kann die Zeit nicht kurz mal stehenbleiben? Nicht für einen kleinen Moment nur? Sie läuft immer, einfach weiter.

Wann hört das denn auf?