Eiskristalle

Ich erfriere. Die Scheiße, ist das kalt draußen. Aber ich will die Sonne noch ein bisschen reinlassen. Das Fenster steht auf. Ich brauche das jetzt. Habe eh schon eine Erkältung, muss ich mich jetzt noch so in den Zug setzen. Eiskalt ist das. Aber ich kann nicht anders. Ich brauche die Sonne.

Nach einiger Zeit bilden sich Eiskristalle unter meinen Fingernägeln und ich kann mich nicht mehr bewegen. Meine Finger sind ganz blau und einer nach dem anderen fällt ab. Aber ich will das Fenster nicht zumachen. Kann ich auch gar nicht mehr, weil nun auch meine Arme abfallen. Dann muss ich wohl sterben. Aber wenigstens scheint die Sonne und ich bin glücklich.

TwoFace

März. Das Jahr ist schon wieder halb rum. Ich begrüße die Sonne mit einem Kaffee. Ich öffne das Fenster, schaue direkt rein und halte ihr den dampfenden Kaffee entgegen. Es ist, wie als ob jemand seine Seele aus dem Fenster lässt, wenn er gestorben ist – ich öffen das Fenster und lasse die Sonne rein. Mehr als durch die Scheibe, ist ja klar. Sie wärmt mich – eine Seite von mir zumindest. Die andere ist Dunkelheit. Aber die eine Seite ist schön. Die ist warm, ich lache, Two Face*, die andere weint. Den ganzen Tag keine Sonne, Luft, Leben, Lachen. Dann sehe ich im Schatten der Sonne, beziehungsweise eigentlich nicht im Schatten, sondern im Licht, dieses Flackern, wenn irgendwo Wärme aufsteigt. Drinnen warm, draußen kalt. Das muss es sein. Das ist schön. Da hat meine andere Seite auch was davon.

Ich frage mich, ob das gut ist, dass die ganze Zeit immer nur eine Seite was abkriegt**.

* Keine Ahnung, wo der herkommt, was das ist. Ist mir nur so in den Sinn gekommen. Ich kenne den gar nicht.

** Ist aber auch egal. Gleich ist sie eh weg.

Absolute Finsternis – Wellblechfickmauern

Dieser helle kreisrunde perfekte Feuerball am Firmament. Hell, warm, wohlig feuerrot, ich kann gerade noch reingucken, ohne blind zu werden. Es ist so wunderschön und ich bin so furchtbar traurig. Ich gehe von einer Seite des Raumes zur anderen. Ich betrachte jede Ecke ganz genau. Dann gehe ich zurück und ändere den Abstand zur Wand an der ich entlanggehe ein Stück. An den Wänden hängen Spiegel – ist so im Sportstudio. Ich sehe die Sonne jetzt ein Mal, zwei Mal und mehr. Doch das reicht mir immer noch nicht. Und so spule ich das Prozedere von vorne ab. Jedes Mal variiere ich den Abstand zu den Wänden. Doch was auch immer ich tue, mehr als drei Mal kann ich die Sonne im Spiegel nicht einfangen.

Das ist einfach immer noch viel zu dunkel! Ich müsste die Sonne schon mindesten zehntausend mal sehen, damit ich genug Licht tanke.

Denn ich weiß, gleich werde ich die Sonne den ganzen Tag wieder nicht sehen. Eingeschlossen von Mauern – Büromauern, Hausmauern, Psychomauern, Menschen, absolute Finsternis. Habe ich noch nie gesehen. Die absolut unvergleichlich hässlichen Wellblechfickmauern, die sich draußen um mein Büro säumen, schlucken jeden Lichtstrahl, der sich in dieses Schwerstindustriegebiet verirrt. Ein schwarzes Loch, diese Wand. Ich bin so betrübt und frage mich, wen das nicht stören kann. Den ganzen Tag drin. Ohne Licht. Ohne Sauerstoff. Ohne Bewegung. Ohne. Leben. Doch das stört die alle nicht. Die sitzen den ganzen Tag schwarz, reglos, leblos da. Ob die sich freuen? Das kann ich ja nicht sehen.

So schön ist die Sonne

Ich fahre mit dem Auto über eine Landstraße und da ist sie wieder – die Sonne. Und ich weiß, die sehe ich gleich wieder nicht für mindestens 24 Stunden. Denn es ist Winter und ich arbeite.

Egal. Ich halte an, mitten auf der Straße, steige aus und schaue in die Sonne. Egal, wie eng ich die Augen zusammenkneife, ich kann nicht länger als eine Sekunde reingucken. Es geht nicht. Aber ich will. Ich will so lange reingucken, wie es nur geht, damit ich das ganze Licht in mich aufnehme und die nächsten 24 Stunden ohne Licht weitermachen kann. Aber es geht nicht.

Es ist kalt. Saukalt. Ich schaue neben die Sonne bis zum Horizont. Die Felder und Wiesen sind raureifweiß. Der Morgennebel steigt auf und ich kann die Erde atmen hören. Da möchte ich langgehen jetzt. Bis an den Horizont, dort wo die Sonne noch heller scheint. Bis ans Ende, bis ich runterfalle oder so. Doch vorher würde ich stehenbleiben, ganz am Ende an den Klippen oder was auch immer da ist, und würde in die Sonne gucken. So schön und hell ist die. Dieses Licht ist einfach das Schönste, das ich jemals gesehen habe.*

* Horst Lichter hat sich letztens in irgendeiner dieser Talkshows gefragt, wie lange er noch zu leben hätte. Sein Vater ist mit 56 gestorben. Dann hätte er noch zwei Jahre.
“Zwei Mal Herbst und Winter und zwei Mal noch Frühling.”, sagt er.
Kann sich kein Mensch vorstellen.

So schön ist die Sonne.

Sonne 2

Ich geh raus und guck in die Sonne. Weil mich keiner sieht. Die ganze Zeit guck ich rein. Immer länger und immer doller. Ich kann kaum noch etwas sehen. Die Sonne ist so hell und schön, dass ich irgendwann blind bin.

Aber ein Mal habe ich sie noch gesehen.

Die Sonne scheint

Die Sonne scheint. Der Himmel ist so blau, wie er nur sein kann. Eine einzige blaue Farbfläche, ein einziges, reines Blau. Ein einzelner Farbton. So schön.

Die Sonne scheint.

Doch ich sitz drin. Den ganzen Tag.