Wieder lonely

Weihnachtsmarkt. Wieder lonely. Aber diesmal ist die Musik viel besser, Bing Crosby oder so. Immer noch fünfzehn Grad oder so, aber mit der richtigen Musik ist es schon viel besser.

Ich irre so über den Markt und will mir doch mal die Wichtelwerkstatt im Wichtelwald angucken. Alles sehr eng hier. Gott sei Dank bin ich größer als jede abgeholzte Tanne, die hier steht. Keiner da. In der Werkstatt. Die ist nicht mal auf. Also die Tür ist zu. Probiere auch erst gar nicht, ob man die öffnen kann. Wenn jemand gewollt hätte, dass da jemand reinkommt, wäre die Tür bestimmt auf. Also gehe ich zurück.

Auf einmal kommt da ein so ein Girl und lacht mich zwischen den kleinen Scheißtannen so an. Gut sieht die aus. Was mach ich denn jetzt hier im Wichtelwald?

Da ist sie auch schon wieder weg.

Ich hol mir was zu essen. Currywurst / Pommes, m, lecker auf dem Wichtelmarkt. Sitze an einem Tisch und schaue so rum.

“Mh, ja, 17, ach!, doppelt so alt!”
“…”, ich verstehe kein Wort.
“Ja, jaja, halbe Stunde oder Stunde. Wie du willst. Ja, das ziehen die dann ab.”
“…”
“Ja, musst du dann 0,25 aufschreiben. Für die Raucher. Du rauchst ja bestimmt heute noch vier, fünf oder sechs.”
“Flammlachs! Matjes! Hering! Fischbrötchen! Tintenfischringe!”, schreit der Typ am Fischstand.

Ich bin alleine. Also redet auch keiner mit mir. Was mach ich denn da?

Auf einmal kommen da so zwei Enten an. Wie niedlich. Die machen einen Spaziergang. Und irgendsoein Typ grabbelt tatsächlich in einen Mülleimer, holt ein altes, nasses Brötchen da raus und schmeißt es dem Entenpaar hin. Das muss Liebe sein. Schön.

Auf meinem Rückweg sehe ich, wie eine uralte Frau ihrem uralten Mann lieblich mit dem Finger über die Wange streicht. Ich denke an Family Man und freue mich. Schön ist das.

Lonely auf dem Weihnachtsmarkt

Die Wurst spritzt mir ins Gesicht. Käse und Fleisch ist da drin. Sitze allein an einem lieblos in die Gegend gestellten Tisch. Das ist eine Scheiße hier, kann sich kein Mensch vorstellen.

Da läuft so gemafreie Weihnachtsmusik. Das ist so unfassbar scheiße, dass ich nach zwei Minuten schon keine Lust mehr auf Weihnachten habe. Wer verdient mit so einer Scheiße eigentlich was?

Fünfzehn Grad oder so.  

Systemgastronomie oder so heißt das.

Weihnachten

Weihnachten. Kleinkariert, kitschig, jedes Jahr. Diesmal auf dem Dorf. Osnabrücker Land und so weiter. Bei Oma und Opa.

Die Kinder schreien (drei, sind drei zu viel), acht Mahlzeiten am Tag, Berge von Bergen von Kleinst- und Schrottgeschenken (kann sich kein Mensch vorstellen, kann man sich nur vorstellen, wenn man selbst zehn Kinder hat), kein Schnee, 15 Grad, Schreie, Windeln, Scheiße, Kotze, alle reden und regen sich auf über Gartenzäune, Hecken, wer wen, wann und wann nicht angerufen hat und hast du nicht gesehen.

Ich spüre, das, genau das ist mein Leben.

Mittendrin. Darüber werde ich einmal sprechen, wenn ich von meinem Leben spreche, wenn ich alt bin.

Schön ist das.

 

Eine vierländer Weihnachtsgeschichte

„Die Wege sind weit in den Vierlanden!“, sagte der Weihnachtsmann grummelig zu seinem Rentier, griff nach einem Zündholz und entflammte den Kamin.

Es hat schon seit Wochen geschneit – vom Reet auf dem Dach des alten Hufnerhauses beim Zollenspieker Fährhaus war nichts mehr zu sehen. Der Elbstrom peitschte noch gegen die Hausfesten, bis er eines Nachts Ruhe gab und zufror. Die Eisschollen knirschten aneinander und der Raureif an den Weiden des kleinen Strandwäldchens klirrte bei jedem Windhauch auf’s neue.

„Ich bin alt geworden“, fuhr der Weihnachtsmann fort und erklärte weiter mit tiefer, ruhiger Stimme: „Rentier, mein Liebes, der Winter ist hart und der Schlitten ist alt – genauso alt wie ich. Wie sollen wir noch die ganzen Geschenke in den Vierlanden und in den Marschlanden verteilen?“
Das Rentier guckte traurig in die Flammen und sagte: „Aber was passiert dann mit den vielen Kindern hier im Land?“
„Was soll schon passieren? Es glaubt doch eh keiner mehr an den Weihnachtsmann.“
„Glaubst du?“, das Rentier zögerte ein klein wenig, bis es abrupt fortfuhr: „NEIN! Das stimmt doch nicht. Denk’ nicht so!“

Der Weihnachtsmann murmelte irgendetwas in seinen Rauschebart und erhob sich aus seinem alten Sessel.
Da saß es nun, das kleine Rentier, vorm knisternden Feuer und fragte sich, ob Weihnachten dieses Jahr ausfallen muss.
„Heute ist doch Nikolaus! Weihnachtsmann…“, rief das Rentier dem Weihnachtsmann hinterher.
Doch der Weihnachtsmann reagierte nicht und legte sich lieber in sein weiches Bett – denn es war schon zu später Stunde.

Das Rentier tat es ihm gleich. Bei sich dachte es noch: Vielleicht könnte ich ja den starken Blumenmann fragen. Der kann uns doch bestimmt beim Verteilen der Geschenke helfen.

Am nächsten Tag schienen warme Lichtstrahlen durch die Fenster des alten Hauses, und der Himmel war blau und die Luft klar wie nie. Da klopfte es an der Tür und riss die beiden aus ihren Winterträumen.
Der starke Blumenmann stand vor der Tür, hatte zwei Holzkästen mit Heidekräutern im Arm und stammelte mit gebrochener Stimme: „Stelle dir die Erica vor’s Haus, im Winter, dann beschützen die kleinen Feen aus der Ohe dein Heim.“

Der Weihnachtsmann schaute skeptisch die Heidekräuter und danach den starken Blumenmann in seiner Vierländer Kluft an und dachte sich: Der ist lustig, ich glaube doch nicht Feen!
„Und wie kann ich Ihnen helfen, starker Blumenmann?“, fragte der Weihnachtsmann dann, grummelig wie immer.
Der starke Blumenmann erwiderte und lachte vorsichtig: „Oh, ich kann gut anpacken. Wann soll es denn losgehen? Am 24. wohl?“
„Danke, nein. Sie können nach Hause gehen“, sagte der Weihnachtsmann.
Der starke Blumenmann neigte seinen Kopf und das Rentier stand still.
„Die Heidekräuter nehme ich gerne. Auf wiedersehen.“ Der starke Blumenmann drehte sich um und ging von dannen.
Der Weihnachtsmann schlug die Tür zu und sagte freundlich zum Rentier: „Danke Rentier, das ist lieb gemeint von dir. Aber ich kann nicht mehr.“

Das Rentier war traurig und sprach den Tag nicht mehr mit dem Weihnachtsmann.
Die Tage gingen dahin – bis Weihnachten war es nicht mehr weit. Der Himmel war blau, das Feuer war warm und doch war es nicht wie immer. Und die Tage wurden noch kürzer als sonst.

Eines Tages ging der Weihnachtsmann vor die Tür, um einen Spaziergang zu tun, da lag ein großes Weihnachtsgeschenk vor seiner Tür! Er hob es verwundert auf und fragte sich sogleich, woher der Weihnachtsmann ein Weihnachtsgeschenk bekommen sollte! Er ging sofort mit dem Geschenk wieder ins Haus und rüttelte voll Spannung daran. Es war leicht, aber doch so groß. Wie kann das sein? Irgendetwas raschelte leise.

„Rentier, Rentier, ich habe ein Geschenk bekommen! Das muss ich sofort auspacken!“, sagte der Weihnachtsmann mit leuchtenden Augen zum Rentier.
Das Rentier schaute verwundert den Weihnachtsmann an und sagte: „Das geht aber nicht!“
„Was wieso? Ich bin doch der Weihnachtsmann. Natürlich darf ich das Geschenk aufmachen!“
„Darfst du niiihiiicht! Darfst du nicht!“
„Hmm. Das muss ich mir noch überlegen.“

Der Weihnachtsmann beschloss, erstmal einen Spaziergang zu machen, um darüber nachzudenken. Er schlenderte durch die schneeweißen Weiten der Kirchwerder Wiesen, durch den Wald der Reit und bis zur gefrorenen Dove-Elbe. Er stellte sich auf das Eis, atmete tief ein und beschloss, das Geschenk sofort aufzumachen, wenn er wieder zu Hause ist. Auf dem Rückweg machte er einen Schlenker über den alten Hof Eggers in der Ohe, um den alten, weisen Bauern doch nach seinem Rat zu fragen. Dort flogen ihm zwei Feen um den Kopf und sagten, der weise Herr sei nicht im Hause. Verwundert kehrte der Weihnachtsmann ab und ging nach Hause.

Dort angekommen sagte er sofort: „Ich mach das Geschenk jetzt auf. Wo ist es?“ Das Rentier sagte nur: „Hab’ ich versteeheeeckt! Das bekommst du erst an Weihnachten wieder!“
„Och nööööö“, sagte er und konnte die Spannung und die Freude fast nicht mehr ertragen.

Am 24. dann legte das Rentier das Geschenk auf den großen Tisch im Esszimmer. Der Weihnachtsmann riss es auf vor Freude – doch es war leer! Nur eine kleine Karte war darin. Auf der stand nur geschrieben: „Und DU hast dich so gefreut. Dein Rentier“

Da verstand der Weihnachtsmann und zog los – am gleichen Tag noch, denn es war ja Weihnachten –, den Kindern in den Vierlanden und in den Marschlanden doch ihre Geschenke zu bringen.